Rechte Morde in Bayern

Erinnerung an Habil Kılıç

Erinnerung an Habil Kılıç

Wir erinnern an Habil Kılıç, der am 29. August 2001 im Obst- und Gemüseladen seiner Familie in München durch den sogenannten Nationalsozialistischen Untergrund ermordet wurde.

Allein in Bayern verübte die rechte Terrorgruppe NSU fünf Morde und einen Bombenanschlag. Die Ermittlungsbehörden nahmen den rechten Hintergrund der Taten lange nicht wahr und ermittelten stattdessen gegen die Betroffenen und deren Umfeld. Diese Umstände sind Ausdruck rassistischer Kontinuitäten in Deutschland, die auch weiterhin rechte Gewalt ermöglichen.

Erst mit der Selbstenttarnung des NSU im Jahr 2011 kam das jahrelange Versagen der Strafverfolgungs- und Sicherheitsbehörden ans Licht.

Erinnerung an Carlos Fernando

Erinnerung an Carlos Fernando

Wir erinnern an Carlos Fernando, der am 15.08.1999 vor der „Cubana-Bar“ in Kolbermoor im Streit um ein zugeparktes Auto körperlich angegriffen wurde und infolge dessen am 30.09.1999 verstarb.

Der Täter äußerte sich vor und während der Tat rassistisch. Zudem wurden in seiner Wohnung Beweise für eine Vernetzung in rechten Strukturen gefunden. Dennoch wurde der rechte Hintergrund der Tat durch das Landgericht Traunstein (Oberbayern) nicht anerkannt – im Gerichtsurteil wurde stattdessen von einer Tat „ohne nachvollziehbaren Anlass“ gesprochen, in der der Täter „rücksichtslos und mit großer Brutalität und Gewaltbereitschaft vorgegangen“ sei. Der damalige Bürgermeister Ludwig Reimeier nannte die Tat „ein[en] Fall ganz normaler Kriminalität“. Hier zeigt sich die strukturelle Verharmlosung von rechter Gewalt, mit der diese immer wieder unsichtbar gemacht wird.

Im Jahr 2019 wurde die Plakette der Gedenktafel, die auf dem Alten Friedhof der Stadt Kolbermoor an Carlos Fernando erinnerte, gestohlen. Umgehend wurde eine neue Tafel von der Stadt angebracht, die den rechten Hintergrund der Tat deutlicher benennt. Nun steht dort: „Carlos Fernando – Opfer einer feigen rassistischen Gewalttat.“

Podcast: https://www1.wdr.de/radio/cosmo/podcast/schwarzrotblut/schwarz-rot-blut-carlos-fernando-100.html

Erinnerung an Paul Kirsch

Erinnerung an Paul Kirsch

Wir erinnern an Paul Kirsch, der am 25. Juli 1950 in Neustadt an der Donau von einem Polizisten erschossen wurde. Paul Kirsch war damals 23 Jahre alt. Er war Rom, verheiratet und kam aus der Tschechoslowakei. Er hatte während der NS-Zeit mehrere Konzentrationslager überlebt, darunter Auschwitz.

Die Tat ereignete sich am Abend des 25. Juli 1950 vor einem Gasthof. Der Gastwirt hatte die Polizei gerufen, weil eine Gruppe „Landfahrer“ in seiner Wirtschaft „zechte“. Im Zuge eines Handgemenges zwischen der – angeblich betrunkenen – Gruppe und der eingetroffenen Polizei tötet ein Wachtmeister Paul Kirsch mit einem Kopfschuss. Ein Bericht der Lokalzeitung und spätere Archiveinträge suggerieren Notwehr als Motiv – Kirsch habe einem Polizisten eine Waffe entrissen und damit auf einen anderen gezielt.

Die Journalistin Ingrid Müller-Münch, die den Fall recherchiert hat, erfährt von der Großnichte Paul Kirschs jedoch eine ganz andere Geschichte: Weder sei die Gruppe betrunken gewesen noch habe Paul Kirsch überhaupt dazu gehört. Als ein Polizist eine Waffe gezogen hätte, hätte Kirsch sie ihm zu entreißen versucht.

In ihrer Recherche über „Tödliche Polizeigewalt gegenüber Sinti und Roma 1945 bis 1980“ schreibt Ingrid Müller Münch: „Die Jahre 1945 bis 1980, also der Zeitrahmen meiner Recherche, waren geprägt von einem unverhohlenen Antiziganismus. Polizeiliche Schikanen gegenüber Sinti und Roma waren an der Tagesordnung.“

Eine Zusammenfassung des Falls samt Link zur Arbeit von Ingrid Müller-Münch gibt es beim aida-Archiv: https://www.aida-archiv.de/chronologie/25-juli-1950/

Rechtsterroristischer und rassistischer Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum

Rechtsterroristischer und rassistischer Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum

Wir erinnern an den rechtsterroristischen und rassistischen Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum, der am 22.07.2016 in München verübt wurde. Neun Menschen wurden getötet. Wir gedenken Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine S., Selçuk Kılıç und Sevda Dağ.

Fünf Menschen wurden von dem 18-jährigen Täter durch Schüsse verletzt. Viele weitere verletzten sich außerdem bei der Flucht oder bei Paniken, die an verschiedenen Orten der Stadt ausbrachen. Lange bewerteten die Ermittlungsbehörden die Tat als Amoklauf und ignorierten den rechten Hintergrund. Und das, obwohl die rechtsextremistische Gesinnung des Täters schnell bekannt war. Erst im Jahr 2019 stufte das Landeskriminalamt den Anschlag offiziell als Politisch motivierte Kriminalität-rechts ein. Ein Jahr später wurde die Inschrift am Denkmal für die Opfer geändert. Nun steht dort: „In Erinnerung an alle Opfer des rassistischen Attentats vom 22.7.2016“.

Gedenkveranstaltung
Die Gedenkveranstaltung findet am 22.07.2025 um 17:30 Uhr am OEZ

Weitere Informationen auf der Webseite der Initiative:

https://muenchen-erinnern.de

Erinnerung an Konstantin M.

Erinnerung an Konstantin M.

Wir erinnern an Konstantin M., der am 17.07.2013 beim „Tänzelfest“ in Kaufbeuren von einem Neonazi getötet wurde. Der Täter und die fünfköpfige Gruppe um ihn hatten kurz vor der Tat andere Besucher*innen angegriffen und rassistisch beschimpft.

Das Landgericht schloss Rassismus als Tatmotiv aus, sprach von einer Zufallstat und nannte diese eine „völlig sinnlose Sauferei und Prügelei“. Der Täter war den Behörden jedoch mit einer langen Liste rechter Gewalttaten bereits bekannt und in der rechten Szene vernetzt.

Die Entpolitisierung einer solchen Gewalttat, trotz vieler Hinweise auf eine rechte und rassistische Tatmotivation, trägt dazu bei, rassistische und rechte Strukturen weiter unsichtbar zu machen.

Erinnerung an Abdurrahim Özüdoğru

Erinnerung an Abdurrahim Özüdoğru

Wir erinnern an Abdurrahim Özüdoğru, der am 13.06.2001 in seiner Änderungsschneiderei in der Gyulaer Straße in Nürnberg von der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ erschossen wurde.

Der damals 49-Jährige Abdurrahim Özüdoğru war das zweite Mordopfer des sogenannten NSU. Allein in Nürnberg tötete das rechte Terrornetzwerk drei Menschen. Noch immer sind viele Fragen offen, vor allem mit Blick auf lokale Unterstützungsnetzwerke des NSU und die Ermittlungen der Behörden. Diese waren – wie im gesamten NSU-Komplex – von rassistischer Täter-Opfer-Umkehr geprägt. So ermittelte die Polizei auch im Mordfall Abdurrahim Özüdoğru im Bereich der Drogenkriminalität und im direkten Umfeld des Opfers, statt Hinweisen auf einen rechten Tatzusammenhang nachzugehen.

In Nürnberg trägt seit 2023 eine kleine Grünfläche in der Südstadt den Namen Abdurrahim Özüdoǧrus.

Gedenkkundgebung

Zum Gedenken an Abdurrahim Özüdoğru findet am 13.06.2025 um 18:00 Uhr eine Kundgebung in der Gyulaer Straße statt, die von der Nürnberger Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ organisiert wird.

Erinnerung an den Anschlag auf die Diskothek „Twenty Five“

Erinnerung an den Anschlag auf die Diskothek „Twenty Five“

Wir erinnern an den Anschlag auf die Diskothek „Twenty Five“, der am 24.06.1982 in Nürnberg verübt wurde. Drei Menschen wurden durch den Täter erschossen: William Schenck, Rufus Surles und Mohamed Ehap. Drei weitere Personen wurden schwer verletzt.

Zwei Wochen später wurden die Ermittlungen zum Attentat beendet. Behörden gingen von einem Einzeltäter aus, obwohl der Täter in rechten Strukturen vernetzt war.

Gedenkkundgebung
Zum Gedenken an die Opfer des Anschlags lädt die Nürnberger Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ am 24.06.2025 um 18:00 Uhr zu einer Kundgebung in der Königstraße ein.

Erinnerung an den Sprengstoffanschlag auf die Bar „Sonnenschein“

Erinnerung an den Sprengstoffanschlag auf die Bar „Sonnenschein“

Wir erinnern an den Sprengstoffanschlag auf die Bar „Sonnenschein“ in Nürnberg, der am 23.06.1999 vom sogenannten „Nationalsozialistischen Untergrund“ verübt wurde. Der Überlebende Mehmet O., der bei dem Anschlag verletzt wurde, erfuhr erst 19 Jahre später, dass die rechte Terrorgruppe die Taschenlampenbombe in seiner gerade neu eröffneten Bar platziert hatte. Lange Zeit wurde er selbst in den Ermittlungen verdächtigt. Der Anschlag hatte für Mehmet O. tiefgreifende Folgen, er verlor seine Arbeit, seinen Wohnort, seine gesamte Existenz.

Bei einer Vorladung im NSU-Untersuchungsausschuss im bayerischen Landtag 2022 richteten sich die Fragen erneut größtenteils gegen den Überlebenden statt gegen Ermittlungsfehler. „Ich habe mich zum Teil wie ein Schuldiger gefühlt“, sagte Mehmet O. nach der Befragung, die teils aggressiv verlief und in bitterer Weise an die Täter-Opfer-Umkehr 23 Jahre zuvor erinnerte.

Über den Anschlag und die Folgen spricht Mehmet O. ausführlich in Folge 27 des Vor Ort-Podcast von NSU Watch und VBRG. https://verband-brg.de/folge-27-vor-ort-gegen-rassismus-antisemitismus-und-rechte-gewalt-die-podcastserie-von-nsu-watch-und-vbrg-e-v/

Mehmet O. erzählt mit eigenen Worten seine Geschichte im Film der Medienwerkstatt Franken: https://www.youtube.com/watch?v=8GGiIb-fcpA

Gedenkkundgebung

Mit einer Kundgebung erinnert die Nürnberger Initiative „Das Schweigen durchbrechen“ heute an den Anschlag: Um 17:30 Uhr in der Scheurlstraße.

Erinnerung an Andreas Ostermeier

Erinnerung an Andreas Ostermeier

Wir erinnern an Andreas Ostermeier, der am 22.06.1966 in einem Gasthaus im bayerischen Dorfen im Alter von 63 Jahren ermordet wurde. Ein damals 70-Jähriger beschimpfte Andreas Ostermeier zunächst aufgrund seiner politischen Gesinnung und erstach ihn anschließend.

Andreas Ostermeier arbeitete in einer Ziegelei, bis er durch einen Unfall im Alter von 18 Jahren den rechten Unterarm verlor. Danach bestritt er seinen Lebensunterhalt als Händler und Hausierer. Schon früh hatte er sich in der Kommunistischen Partei (KPD) engagiert und wurde Ortsgruppenleiter. Den NS-Terror überlebte er zwar, auch wenn er zeitweilig in „Schutzhaft“ war und auf der städtischen Liste „offenkundiger Staatsfeinde“ auf dem ersten Platz stand. Doch 20 Jahre nach Kriegsende wurde er im Zusammenhang mit seiner politischen Gesinnung ermordet. Dass der Fall öffentlich geworden ist, ist der Geschichtswerkstatt Dorfen zu verdanken.

Erinnerung an Theodoros Boulgarides

Erinnerung an Theodoros Boulgarides

Wir erinnern an Theodoros Boulgarides, der am 15.06.2005 in seinem Geschäft im Münchner Westend von der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ erschossen wurde.

Erst kurz zuvor hatte der zweifache Familienvater mit einem Geschäftspartner den Schlüsseldienst eröffnet. Für seine Familie und seine Freunde wurden die Mord-Ermittlungen zur Tortur. Statt einen rechten Tatzusammenhang zu untersuchen, verdächtigte die Polizei über Monate das persönliche Umfeld des Mordopfers und suchte das Motiv in der organisierten Kriminalität. Die Familie wurde infolge der Anschuldigungen ausgegrenzt, ihr gesellschaftliches Umfeld brach weg. Dies verdeutlicht erneut die fatalen Folgen der rassistischen Täter-Opfer-Umkehr, die die Ermittlungen im gesamten NSU-Komplex prägt.

An der Hauswand des Tatorts in der Trappentreustraße erinnert heute eine Gedenktafel an Theodoros Boulgarides.

Gedenkveranstaltung

Am 15.06.2025 findet eine Gedenkveranstaltung der Familie und der Stadt München ab 12:00 Uhr bis voraussichtlich 18:00 Uhr auf dem Stachus in München statt (Quelle: NSU-Watch).