Wir erinnern an Paul Kirsch, der am 25. Juli 1950 in Neustadt an der Donau von einem Polizisten erschossen wurde. Paul Kirsch war damals 23 Jahre alt. Er war Rom, verheiratet und kam aus der Tschechoslowakei. Er hatte während der NS-Zeit mehrere Konzentrationslager überlebt, darunter Auschwitz.
Die Tat ereignete sich am Abend des 25. Juli 1950 vor einem Gasthof. Der Gastwirt hatte die Polizei gerufen, weil eine Gruppe „Landfahrer“ in seiner Wirtschaft „zechte“. Im Zuge eines Handgemenges zwischen der – angeblich betrunkenen – Gruppe und der eingetroffenen Polizei tötet ein Wachtmeister Paul Kirsch mit einem Kopfschuss. Ein Bericht der Lokalzeitung und spätere Archiveinträge suggerieren Notwehr als Motiv – Kirsch habe einem Polizisten eine Waffe entrissen und damit auf einen anderen gezielt.
Die Journalistin Ingrid Müller-Münch, die den Fall recherchiert hat, erfährt von der Großnichte Paul Kirschs jedoch eine ganz andere Geschichte: Weder sei die Gruppe betrunken gewesen noch habe Paul Kirsch überhaupt dazu gehört. Als ein Polizist eine Waffe gezogen hätte, hätte Kirsch sie ihm zu entreißen versucht.
In ihrer Recherche über „Tödliche Polizeigewalt gegenüber Sinti und Roma 1945 bis 1980“ schreibt Ingrid Müller Münch: „Die Jahre 1945 bis 1980, also der Zeitrahmen meiner Recherche, waren geprägt von einem unverhohlenen Antiziganismus. Polizeiliche Schikanen gegenüber Sinti und Roma waren an der Tagesordnung.“
Eine Zusammenfassung des Falls samt Link zur Arbeit von Ingrid Müller-Münch gibt es beim aida-Archiv: https://www.aida-archiv.de/chronologie/25-juli-1950/




